Ernst Beutler musste mit Blanck und Hebebrand als Vertreter der Stadt wiederholt Gespräche zu Fragen des Wiederaufbaus führen. Als er von der Umfrage des Deutschen Werkbundes Hessen erfährt, reagiert er schnell und verschickt ab Mitte März 1947 einen Brief an Dichter (u. a. Hesse, Carossa, Wiechert), Politiker (u. a. Kurt Schumacher, Hans Wilhelmi), Museumsdirektoren und Denkmalpfleger (u. a. Paul Clemen, Ernst Holzinger, Ernst Günter Troche, Hans Wahl), Universitätsvertreter (u.a. Walter Hallstein) sowie bedeutende Gelehrte und Forscher (u. a. Curtius, Heisenberg, Jaspers, Planck) mit der Bitte um positive Stimmen zum Wiederaufbau des Goethe-Hauses. Die Liste der Namen ist imposant und zeugt – vor allem auch mit Blick auf die Frankfurter Bürgerkultur – von Beutlers Geschick als „Netzwerker“.

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Beutlers an Hermann Hesse, 17. März 1947

Vor der entscheidenden Magistratssitzung verschickte Ernst Beutler im Namen des Freien Deutschen Hochstifts ein Schreiben an zahlreiche Dichter, Künstler und Intellektuelle, um eine öffentliche Zustimmung zum Wiederaufbau einzuholen. Der Brief war von Beutler und Hartmann unterschrieben und nach dem ‚Aufruf‘ von 1944 die erste und letzte grundsätzliche Stellungnahme zum Wiederaufbau. Das selbstbewusste Schreiben ist auch diplomatisch ein Meisterstück. Beutler bezeichnet das Goethe-Haus als „Sonderfall“ beim Wiederaufbau der Städte und betont zugleich dessen städtische, nationale und internationale Bedeutung mit dem Hinweis auf das Goethejahr 1949 und die weltweite Aufmerksamkeit dafür.

Ernst Beutler (1885 – 1960): Brief an Hermann Hesse, Frankfurt am Main, 17. März 1947

Hermann Hesse an Beutler, 30. März 1947

Hermann Hesses Brief gehört zu den wichtigsten Stellungnahmen im Kampf um den Wiederaufbau. Noch 1955 erinnerte sich Beutler: „Sie sind es gewesen, der für den Wiederaufbau des Goethehauses mit warmen Herzen und schlagenden Gründen eingetreten ist, was mir in jenen Jahren des Streites sehr wichtig war. Ich habe Ihren Brief wie eine leuchtende Ägis vor mir hergetragen.“

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Hermann Hesse (1877 – 1962): Brief an Ernst Beutler, Montagnola, 30. März 1947 © Freies Deutsches Hochstift

Frankfurter für den originalgetreuen Wiederaufbau

Der Wiederaufbau von Goethes Geburtshaus an der alten Stelle und in der alten Gestalt ist eine unabdingbare Notwendigkeit, beginnt der Aufruf, den Vertreter der Frankfurter Bürgerschaft unterzeichneten, darunter Hans Latscha, Ludwig Ohl und August de Bary. Auch der ehemalige, von den Nazis vertriebene Direktor des Städel, Georg Swarzenski und dessen Frau Marie (geb. Mössinger) bekannten aus Boston, für sie sei der Wiederaufbau des Goethe-Hauses eine wirkliche Herzenssache und Überzeugung. Nach der Wiedereröffnung schrieb Marie Swarzenski: „Was dieses Haus mir von meiner frühesten Kindheit an bedeutet hat, das kann ich kaum jemand sagen; und wie schön, daß es nun wieder dasteht, um anderen jungen Menschen ebenso ein Feiertagsglück zu werden, oder ein Brot, an dem sie ihr Leben lang zehren können.“

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Richard Merton an Beutler, 9. April 1947

Der Industrielle und Stifter Richard Merton, dem 1939 die Flucht vor den Nazis nach London gelungen war, bekannte sich unmittelbar nach seiner Rückkehr nach Frankfurt für den originalgetreuen Wiederaufbau des Goethe-Hauses. Viele Frankfurter, auch solche im Exil, sprachen sich für die Pläne des Hoch-stifts aus. Der Wiederaufbau von Goethes Geburtshaus an der alten Stelle und in der alten Gestalt sei „eine unabdingbare Notwendigkeit“, heißt es in einem Aufruf, den Vertreter der Frankfurter Bürgerschaft unterzeichneten, darunter Hans Latscha, Ludwig Ohl und August de Bary. Auch der ehemalige, von den Nazis vertriebene Direktor des Städel, Georg Swarzenski, bekannte aus Boston, für ihn sei „der Wiederaufbau des Goethehauses eine wirkliche Herzenssache und Überzeugung“.

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Richard Merton (1881 – 1960): Brief an Ernst Beutler, Frankfurt am Main, 9. April 1947 © Freies Deutsches Hochstift

Kurt Schumacher an Beutler, 13. Mai 1947

Auf dem ersten Nachkriegsparteitag der SPD in Hannover war Kurt Schumacher im Mai 1946 zum Parteivorsitzenden gewählt worden. In dieser Eigenschaft hatte ihn Ernst Beutler um Unterstützung für den Wiederaufbau des Goethe-Hauses gebeten. Schumachers Antwort dokumentiert eine weniger bekannte Seite des charismatischen SPD-Vorsitzenden: seine Goethe-Verehrung.

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Kurt Schumacher (1895 – 1952): Brief an Ernst Beutler, Hannover, 13. Mai 1947 © Freies Deutsches Hochstift

Ernst Wiechert an Beutler, 26. Juni 1947

Beutler hatte den Dichter, der zuletzt im November 1934 im Hochstift aus eigenen Werken gelesen hatte, während der Tagung des Internationalen PEN-Clubs Anfang Juni 1947 in Zürich gesehen, wo er für den Wiederaufbau des Goethe-Hauses warb.

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Ernst Wiechert (1887 – 1950): Brief an Ernst Beutler, Hof Gagert, 26. Juni 1947 © Freies Deutsches Hochstift

Benno Reifenberg an Friedrich Lehmann, 28. März 1947

Der Journalist Benno Reifenberg, der nicht im Verdacht stand, ein Gegner moderner Stadtplanung zu sein, äußert sich hier ausführlich zum Wiederaufbau. In seinem Brief an den stellvertretendem VA-Vorsitzenden heißt es: „Wir sollten nicht in einer eifersüchtigen Trauer um das für immer Verlorene dem beispielhaft Belehrenden das Recht des Daseins verweigern. […] Natürlich bleibt der Hirschgraben 23 singulär. Was hier einer unvergleichlichen literarischen Überlieferung wegen unternommen werden darf, kann niemals ein Beispiel für die architektonischen Aufgaben in den Altstädten abgeben.“

Benno Reifenberg (1892 – 1970): Brief an Friedrich Lehmann, vom 28. März 1947

„Frankfurt a. M. baut auf“, August 1947

Im Geleitwort der Werbebroschüre schreibt Frankfurts Oberbürgermeister Walter Kolb: „Eine weitere unabweisbare Verpflichtung fordert, daß die Geburts­stätte Goethes in ihrer alten Gestalt am Großen Hirschgraben zum 200. Geburtstag Goethes wieder erstellt wird.“

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Broschüre „Frankfurt a. M. baut auf“, August 1947 © Freies Deutsches Hochstift